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I. Jugend und Ausbildung
Gottfried
von Einem wurde am 24. Jänner 1918 in Bern als Sohn des Diplomaten
William von Einem geboren, der in der Schweiz seit 1914 als Militärattaché
der österreichischen Botschaft stationiert war. Seine Mutter Gerta
Louise stammte aus dem Hause der Barone Rieß von Scheurnschloß,
einer Offiziersfamilie aus Kassel. Erst im Alter von etwa zwanzig
Jahren wurde Einem über die Identität seines natürlichen Vaters
informiert, des Grafen Laszlo Hunyady.
Die
gesicherte Welt der begüterten Diplomatenfamilie, die nach kurzen
Zwischenaufenthalten im Salzkammergut und in Bad Kissingen 1922
nach Malente in Schleswig-Holstein übersiedelte, bestimmte Kindheit
und Jugend des Knaben, der jedoch inmitten des regen Gesellschaftslebens
an Einsamkeit litt und sich früh der Musik zuwandte: "Ich merkte,
daß die Welt der Klänge für mich unendlich wichtig, ja lebens-entscheidend
war. Eigentlich war es für mich schon seit den frühesten Kindertagen
an klar, daß ich die Componisten-Laufbahn einschlagen würde. Schon
im Alter von fünf Jahren artikulierte ich den Wunsch, Componist
zu werden, mit aller Deutlichkeit."
Den
ersten, elementaren Musikunterricht erhielt Einem von seinem Volksschullehrer
Kahl, dem die Klavierlehrerin Käthe Schlotfeldt folgte. Der Knabe
machte am Klavier rasche Fortschritte, besondere Vorliebe zeigte
er für das Improvisieren. Auch erste Kompositionsversuche stammen
aus dieser frühen Periode, wenngleich dem jungen Komponisten -
er selbst bezeichnete sich stets als "Componist" - die
theoretischen Grundlagen noch völlig unbekannt waren. Musikalische
Hörerlebnisse, die Einem im Rückblick als prägend beurteilte,
waren Georg Friedrich Händels "Messias", Ludwig van Beethovens
Neunte Symphonie und Richard Wagners "Walküre".
Das
Gymnasium besuchte Einem in den Jahren 1928 bis 1937 in Plön bzw.
in Ratzeburg; in den Ferienzeiten unternahm er Reisen. Nach dem
deutschen Abitur erwarb er durch Zusatzprüfungen auch die österreichische
Matura, dann verschrieb er sich endgültig der Musik. Ein Besuch
der Bayreuther Festspiele 1934 beeindruckte ihn tief. Ebenso begeistert
war er zu dieser Zeit jedoch auch von der Musik Gustav Mahlers,
dessen Neunte Symphonie er in seinem Tagebuch die "genialste
Symphonie der Neuzeit" nannte; Mahlers Werke durften zur Zeit
des Dritten Reiches nicht aufgeführt werden.
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II. Korrepetitor in Berlin
Nach
bestandenem Gymnasialabschluß reiste Einem 1937 nach Wien, um
seinen Militärdienst zu absolvieren - er war immer noch österreichischer
Staatsbürger. Da er nach nur vierzehn Tagen als "dienstuntauglich"
entlassen wurde, stand seiner Musikerlaufbahn nun nichts mehr
im Wege. Er zog nach Berlin, um hier bei Paul Hindemith zu studieren;
dieser Unterricht kam jedoch nicht zustande, da Hindemith auf
Betreiben Joseph Goebbels' suspendiert wurde. So beschränkten
sich die "Berliner Lehr- und Wanderjahre", wie sie der Komponist
im Rückblick nannte, zunächst auf praktische Musikausübung.
Einem wurde durch Vermittlung des Sängers Max Lorenz Assistent
Heinz Tietjens und Korrepetitor an der Berliner Oper. "Was
ich über die Bühne gelernt habe, verdanke ich Tietjen, und meine
Opern sind, glaube ich, dramaturgisch auch recht gut gebaut. Meine
Bühnentätigkeit war die entscheidende Grundlage dafür. ... Ich
machte mir immer in meine Partituren Einzeichnungen über Atmung,
Lautstärke, Tempo. Arturo Toscanini, Richard Strauss, Dimitri
Mitropoulos, Bruno Walter, Hans Rosbaud, Herbert von Karajan,
Karl Böhm und Wilhelm Furtwängler waren die, die mich wach machten.
Der Praxis verdanke ich alles."
Ein
Angebot Tietjens, Kapellmeister des Stadttheaters in Kassel zu
werden, schlug Einem jedoch aus; er fühlte sich nicht zur Dirigentenlaufbahn,
sondern ausschließlich zum Komponieren berufen.
Ab
1938 war Einem auch Assistent unter Tietjen bei den Bayreuther
Festspielen. Seine Mutter war mit Winifred Wagner befreundet,
er selbst hatte früh die Enkel Richard Wagners kennengelernt,
Wieland, Wolfgang, vor allem aber Friedelind, mit der ihn eine
jahrelange, allerdings krisenreiche Beziehung verband. Die Freundschaft
mit der Familie Wagner bewahrte Einem jedoch nicht vor einer kurzfristigen
Festnahme durch die Gestapo, deren Gründe ihm nicht bekannt wurden,
die er aber schließlich in parteiinternen Intrigen vermutete.
Die beklemmende Erfahrung eines Verhafteten, der den Grund seiner
Festnahme nicht erfährt, setzte der Komponist später in in seiner
Oper "Der Prozeß" nach Franz Kafka um.
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III. Unterricht bei Boris Blacher
Ab
1941 nahm Einem Kompositionsunterricht bei Boris Blacher, dessen
"Symphonie Opus 12" ihn bereits 1938 begeistert hatte. Blacher
beschränkte sich vor allem auf Kontrapunktstudien; er bestand
auf der präzisen Beherrschung des strengen Kontrapunktes nach
Johann Joseph Fux. Einem betrachtete es schließlich als ein Glück,
daß sein ursprünglicher Plan, zu Hindemith zu gehen, gescheitert
war. Zeitlebens hielt er an der Ansicht fest, daß nur eine solide,
regelkonforme Ausbildung in den klassischen Gattungen dazu befähige,
eigene, kreative Lösungen zu finden.
"Das Koordinatenkreuz, nach dem man sich selbst ausrichten
kann in puncto Kühnheit, muß sich jeder selbst erstellen. Erst
wenn man die strengste Lehre durchgemacht hat, kann man, so habe
ich selbst erfahren, je nach Begabung anfangen, sich auf größere
Formen einzulassen. Und natürlich haben wir auch Harmonielehre
durchgenommen und Formenlehre betrieben. ... Blacher kam für mich
gerade zur richtigen Zeit, denn ich hatte autodidaktisch vor her
fleißig gearbeitet, Volksliedbearbeitungen, auch kleine kontrapunktische
Formen wie Kanons, aber alles ohne Korrektur, was sehr gefährlich
ist, denn woher soll man wissen, daß man etwas falsch gemacht
hat, wenn es einem niemand sagt."
Boris
Blacher wurde ihm - über den Unterricht hinaus - ein enger, persönlicher
Freund, der in vielfacher Hinsicht für Weichenstellungen seines
Lebens verantwortlich war. Bei Blacher lernte Einem seine erste
Frau, Lianne von Bismarck, kennen; sie war Pianistin und nahm
ebenfalls Kompositionsunterricht. Von Blacher schließlich stammte
der Anstoß und das Libretto zu Einems Oper "Dantons Tod", die
dessen Weltruf begründete.
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IV. Erste Erfolge als Komponist
In
die Zeit des Unterrichts bei Blacher fiel die Komposition des
ersten, von Einem als vollgültig angesehenen und mit der Opuszahl
1 bezeichneten Werkes: des Balletts "Prinzessin Turandot". Die
Anregung dazu ging von Werner Egk aus, mit dem Einem befreundet
war. Egk hatte ein Ballett geschrieben, das meist mit Carl Orffs
"Carmina burana" gemeinsam aufgeführt wurde; von dieser Koppelung
wollte er sich lösen und bat Einem, ein geeignetes Werk zu schreiben.
Blacher empfahl das Textbuch zu Luigi Malipieros Oper "Turandot",
das er gemeinsam mit Einem umarbeitete. In den Jahren 1942/43
entstand die Komposition (nun unter dem Titel "Prinzessin Turandot"),
deren Uraufführung zunächst in Frankfurt stattfinden sollte, aber
schließlich der Dresdner Staatsoper unter der Leitung von Karl
Elmendorff übertragen wurde. Die Publikumsresonanz bei der Uraufführung
zu Beginn des Jahres 1944 war - nach Einems eigenen Worten - "phänomenal";
"Prinzessin Turandot" war die erste einer Reihe von Ballettkompositionen,
die in späteren Jahren folgen sollten: "Das Rondo vom goldenen
Kalb" (1952), "Pas de Coeur" (1952), "Glück, Tod und Traum" (1954)
und "Medusa" (1957).
Nahezu
ein Jahr vor "Prinzessin Turandot" präsentierte Einem ein weiteres
Werk der Öffentlichkeit, das als Opus 2 entstandene "Capriccio"
für Orchester. Der Dirigent Leo Borchard hatte es in Auftrag gegeben
und leitete die Uraufführung durch die Berliner Philharmoniker
im März 1943. Der triumphale Erfolg veranlaßte Herbert von Karajan,
Einem ebenfalls um ein Werk zu ersuchen, das er in seinen eigenen
Philharmonischen Konzerten vorstellen wollte. Karajan, der wie
Einem seit 1938 an der Berliner Oper engagiert war, gab damit
die Anregung zur Komposition des "Concerto für Orchester" op.4,
dessen Entstehung von der zunehmend dramatischer werdenden Kriegslage
überschattet wurde. Der langsame Satz, den Einem nach der Fertigstellung
Karajan zum Studium übergab, verbrannte während eines Bombenangriffs
auf Berlin; zum Glück für den Komponisten blieb eine Kopie erhalten.
Im April 1944 - Einem wirkte zu dieser Zeit als musikalischer
Berater an der Dredner Staatsoper - erlebte das "Concerto" seine
Uraufführung in Berlin und wurde von der Presse vernichtend kritisiert;
insbesondere die Jazz-Passagen im letzten Satz trugen Einem den
Vorwurf des "Kulturbolschewismus" ein - Jazz galt als "entartete
Musik" und war verboten. Propagandaminister Joseph Goebbels selbst
wollte sich über die Triftigkeit der Vorwürfe informieren und
befahl die Herstellung einer Tonbandaufnahme, um sich ein eigenes
Urteil bilden zu können, allerdings verliefen sich die Untersuchungen
in den Wirren des zu Ende gehenden Krieges.
Zum
Jazz, der auch in seiner Oper "Der Prozeß" eine wichtige Rolle
spielen sollte, hatte Einem eine enge Beziehung. "Durch Blacher
kam ich in Kontakt mit dieser aufregenden und unheimlich bereichernden
neuen Musik. Blacher war ja vor dem Krieg in England und hatte
sich dort intesiv mit Jazz beschäftigt. Nachdem er nach Berlin
zurückgekehrt war und ich bei ihm in die Lehre ging, machte er
mich auch mit dem Jazz vertraut. Wir hörten gemeinsam regelmäßig
und geradezu in einem Ritual ausländische 'Feindsender', vornehmlich
Nachrichten, aber auch verbotene Musik, Mahler zum Beispiel, aber
auch Jazz. ... Das Anhören dieser Art von Musik hatte natürlich
besonders stark gewirkt, weil es mit einem inneren Widerstand
zu tun hatte, mit dem Widerstand gegen ein System, das sich gegen
diese Musik ausgesprochen hatte."
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V. Welterfolg der Oper "Dantons
Tod"
[Ausschnitt
aus "Dantons Tod"]
Die
letzten Kriegsmonate im Frühjahr 1945 verbrachte Einem in der
Ramsau bei Schladming in der Steiermark, einer Gegend, die von
den Kriegswirren weitgehend verschont geblieben war. Hier erlebte
er auch das Kriegsende; da er nicht der NSDAP angehört hatte,
wurde er von den amerikanischen Besatzungstruppen zum örtlichen
Polizeichef ernannt und sollte als solcher ehemalige SS-Mitglieder
ausforschen. Diese Aufgabe legte er bald nieder: "Da das Denunzieren
zu meinem Amt gehört hätte, hörte ich einfach auf."
Zu
dieser Zeit befaßte sich Einem bereits intensiv mit seiner ersten
Oper "Dantons Tod". Bereits 1944 war er in Boris Blachers Bibliothek
auf das Drama Georg Büchners gestoßen und hatte es als faszinierenden
Opernstoff erkannt. Blacher richtete den Text als Libretto ein;
die Arbeit am Bühnenwerk dauerte insgesamt drei Jahre, die durch
die Unsicherheit der Lebensverhältnisse des Kriegsendes und der
beginnenden Nachkriegszeit bestimmt waren. 1945 entschloß sich
Einem zu einem kurzfristigen Kompositionsstudium bei Johann Nepomuk
David in Salzburg, 1946 heiratete er Lianne von Bismarck, die
er bereits 1941 kennengelernt hatte, und im selben Jahr wurden
ihm Funktionen im öffentlichen Musikleben übertragen: als Berater
des Direktoriums der Salzburger Festspiele sowie der Wiener Konzerthausgesellschaft.
"Dantons
Tod" empfand der Komponist selbst als Abrechnung mit der jüngsten
Vergangenheit, als Auseinandersetzung mit dem Phänomen des Totalitarismus,
der in dem Werk durch die Gestalt des Robespierre verkörpert wird.
"Ich schrieb nie eine Oper, die nicht ihren direkten Bezug
zur Zeit gehabt hätte. ... Ich hielt es immer für wichtig, daß
das, was man in der Zeit, in der man lebt, mit- und durchgemacht
hat, in der schöpferischen Arbeit notiert wird. Insofern sind
meine Opern Notate der Zeit."
Egon
Hilbert, der Chef der österreichischen Budestheaterverwaltung,
lernte "Dantons Tod" 1946 kennen und empfahl die Oper 1946 dem
Salzburger Festspieldirektorium; man beschloß, das Werk in der
nächsten Spielzeit herauszubringen. Als Dirigenten der Uraufführung
wünschte sich Einem zunächst Otto Klemperer, der die Aufgabe jedoch
aus Krankheitsgründen zurücklegen mußte. Für ihn sprang der noch
weitgehend unbekannte ungarische Dirigent Ferenc Fricsay ein,
der die Vorbereitungen zu Einems größter Zufriedenheit leitete.
Unter Fricsays Stabführung fand im Rahmen der Salzburger Festspiele
am 6. August 1947 die Uraufführung statt und errang einen großen
Erfolg, den Publikum, Presse und Musikerkollegen einhellig bestätigten.
Man sprach von einer Sternstunde der Musikgeschichte; Werner Egk
bekannte, er habe sich bei der Anhörung dieser "Meisterschöpfung
vor Bewunderung auf dem Boden gewälzt", Carl Orff nannte den "Danton"
ein "großartiges Stück mit allen Vorzügen eines Jugendwerkes".
In rascher Folge übernahmen die Opernhäuser in Wien, Hamburg,
Berlin, Hannover, Stuttgart, Paris, Brüssel und New York das Werk
- Gottfried von Einem war mit einem Schlag zu einem der bekanntesten
und renommiertesten Komponisten der Gegenwart geworden.
Auch
als Komponist der Konzertszene konnte sich Einem in diesen Jahren
entscheidend profilieren. Jahr für Jahr folgten große Premieren:
die "Orchestermusik" op.9 unter der Leitung Karl Böhms im Juni
1948 im Rahmen des Internationalen Musikfestes der Wiener Konzerthausgesellschaft,
die "Serenade für doppeltes Streichorchester" op.10 unter der
Leitung Ferenc Fricsays in Berlin (Anfang 1950), der "Hymnus"
für Alt, Chor und Orchester op.12 im März 1951 unter der Leitung
Fritz Lehmanns im Wiener Konzerthaus. Als besonders erfolgreich
erwies sich das Ballett "Das Rondo vom goldenen Kalb" (Uraufführung
an der Hamburger Staatsoper 1952); das Werk wurde insgesamt 17
Jahre lang gespielt, nach dem Uraufführungsort Hamburg zunächst
an der Wiener Volksoper, dann am Theater an der Wien und schließlich
an der wiedererrichteten Staatsoper.
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VI. "Affäre" um Bertolt Brecht
Mit
Bertolt Brecht kam Einem erstmals durch seinen Freund Caspar Neher
in Verbindung, mit dem Brecht die Schule besucht hatte. Der Dichter
wandte sich an Einem mit der Bitte, ihm einen österreichischen
Paß zu besorgen; obwohl Einem nur Gedichte, nicht die Theaterstücke
Brechts kannte, sagte er seine Hilfe zu, erbat jedoch von Brecht
ein Werk für die Salzburger Festspiele. Es entstand der Plan zum
"Salzburger Totentanz", der den alljährlichen "Jedermann" Hugo
von Hofmannsthals ersetzen sollte.
Als
die Besprechungen 1950 konkret wurden, regte sich vehementer Widerstand
gegen die Einbürgerung des Dichters; nicht nur die literarischen
Brecht-Gegner wie Hans Weigel und Friedrich Torberg, sondern auch
Salzburger Politiker agitierten gegen die Übersiedlung Brechts
nach Salzburg. Nach langen Auseinandersetzungen entschließ Brecht
sich schließlich, nicht Österreich, sondern die DDR als Ausfenthaltsort
zu wählen. Einem wurde in der Folge verdächtigt, ein "Kommunist"
zu sein; er sei "eine Schande für Österreich". Als er sich gegen
diese Vorwürfe emotionsgeladen zur Wehr setzte, wurde er im Dezember
1951 wegen "schlechten Benehmens" und wegen "Einführung des Trojanischen
Pferdes in Form eines Kommunisten" aus dem Salzburger Direktorium
ausgeschlossen, dem er seit 1948 angehört hatte. [Interview
Nr. 1] Es war ihm eine späte Genugtuung, daß sich - Jahrzehnte
danach - der ehemalige Salzburger Landeshauptmann und nachmalige
Bundeskanzler Josef Klaus ausdrücklich bei ihm wegen der Ereignisse
um Bertolt Brecht entschuldigte.
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VII. "Der Prozeß"
Auf
Franz Kafkas Werk wurde Einem durch den Regisseur Oskar Fritz
Schuh aufmerksam, der ihn zur Lektüre des Romans "Amerika" anregte.
Als Opernstoff geeignet schien Einem jedoch eher der Roman "Der
Prozeß"; hier sah er - wie seinerzeit bei "Dantons Tod" - die
Möglichkeit zu einer prononcierten künstlerischen Aussage zu den
Zeitereignissen. "Nicht nur in diesem Stück, sondern eigentlich
in allen meinen Opern geht es um Prozesse, das heißt um Anklage,
Verteidigung und Verurteilung."
Wieder
war ihm sein Lehrer und Freund Boris Blacher - gemeinsam mit Heinz
von Cramer - bei der Textfassung behilflich; 1950 begann Einem
mit der Komposition. Eine "Opernhandlung" im eigentlichen Sinn
ließ sich aus Kafkas Roman nicht herstellen; die Opern besteht
aus einer Bildfolge, die auf Romanzitaten basiert. Es sind äußerlich
kaum zusammenhängende Stationen des Leidensweges des Menschen
Josef K., in steter Überblendung von konkretem Vordergrund und
unbegreiflichem Hintergrund. Jedes der neun Bilder ist über einem
spezifischen Grundrhythmus aufgebaut und zeigt eine individuelle
musikalische Sprache, womit sich jede Szene von der folgenden
scharf absetzt. Viel spekuliert wurde über die Verwendung einer
Zwölftonreihe, die das erste Bild bestimmt, jedoch nicht geeignet
ist, den Komponisten als Dodekaphoniker auszuweisen; den Dogmatismus
der Schönberg-Schule wollte Einem nie nachvollziehen.
"Der
Prozeß" wurde 1952 beendet und am 17. August 1953 im Rahmen der
Salzburger Festspiele uraufgeführt. Oskar Fritz Schuh sorgte für
die Inszenierung, Caspar Neher für das Bühnenbild; Karl Böhm dirigierte
und Max Lorenz sang den Josef K. Auch dieses Werk errang großen
Erfolg und wurde an zahlreichen europäischen Bühnen nachgespielt.
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VIII. Organisator und Musikpädagoge
Die
Pläne, sich in Salzburg auf Dauer niederzulassen, waren 1953 endgültig
gescheitert. Aus Wien wurden Einem einige attraktive Angebote
gemacht, unter anderem die Stelle eines Beraters von Staatsoperndirektor
Karl Böhm. Die Familie, bestehend aus Gottfried von Einem, seiner
Frau Lianne und seinem 1948 geborenen Sohn Caspar, übersiedelte
im Herbst 1953 endgültig in die österreichische Hauptstadt.
In
Wien errang Einem im Laufe der Jahre eine Position im kulturellen
und gesellschaftlichen Leben, die ihm Einfluß, auch Macht in kulturpolitischen
Belangen verschaffte. "Ich habe diese Position aber nie für
mich auszunützen versucht, sondern micht stets für anderes und
andere eingesetzt." 1958 erhielt Einem den Musikpreis der
Stadt Wien, 1960 wurde er Mitglied im Direktorium der Wiener Festwochen.
Ein tragisches Ereignis überschattete das Jahr 1962: der Tod von
Ehefrau Lianne, die ein "ruhender Pol" im ereignisreichen Leben
des Komponisten gewesen war.
Ab
1963 übernahm Einem eine Professur für Komposition an der Wiener
Musikhochschule; er sollte dieses Amt bis 1972 innehaben. Nach
langem Zögern erst entschloß sich der Komponist zu dieser neuen
Aufgabe, stellte jedoch Bedingungen: er wollte seine Lehrtätigkeit
nicht in der Hochschule, sondern nur zu Hause ausüben, nicht mehr
als sechs oder sieben Schüler haben und nur Einzelunterricht geben.
Als Kompositionslehrer bestand Einem - gleich seinem eigenen Lehrer
Boris Blacher - vor allem auf der Beherrschung des traditionellen
Kontrapunkts.
Eine "solide klassische Basis" schien ihm unentbehrlich;
"freischwebenden Dilettantismus" lehnte er scharf ab. "Bei
meinem Unterricht ging ich individuell vor, es hing vom jeweiligen
Talent ab, worauf ich mich konzentrieren wollte. Ein Großteil
der gemeinsamen Zeit wurde mit Analysen verbracht, die großen
Meister Debussy, Beethoven, Mozart, Bach, Wagner, Bruckner." Schüler
Einems, die sich im zeitgenössischen Musikleben einen Namen machten,
sind Heinz Karl Gruber, Dieter Kaufmann, Brunhilde Sonntag, William
Fischer und Klaus Peter Sattler. [Interview
Nr. 2]
In
Wien nahm sich Einem auch der finanziellen und standesrechtlichen
Probleme seiner Kollegen an: fünf Jahre lang - von 1965 bis 1970
- stand er der AKM, der "Staatlich genehmigten Gesellschaft der
Autoren, Komponisten und Musikverleger", als Präsident vor; unter
seiner Leitung erfolgte eine wesentliche Konsolidierung dieser
von internen Streitigkeiten zerrissenen Organisation. Ein wesentliches
Anliegen war Einem stets der unbedingte Respekt vor dem Komponistenwillen
und der Unantastbarkeit des Werkes; diese Intention veranlaßte
ihn etwa zu scharfem Protest gegen die "Herstellung" (Rekonstruktion)
des fragmentarischen dritten Aktes von Alban Bergs Oper "Lulu".
Es
mag mit der Liebe des Komponisten zu intimen Aufführungsstätten
zusammenhängen, daß er sich der Idee des "Carinthischen
Sommers" in Ossiach besonders verbunden fühlte. 1969 gehörte
er zu den Begründern dieses Festivals, und von 1981 kam er nahezu
ohne Unterbrechung Sommer für Sommer nach Ossiach und nach Villach,
um Aufführungen - oft Uraufführungen - seiner Werke beizuwohnen.
Einem wurde zum meistvertretenen zeitgenössischen österreichischen
Komponisten des Carinthischen Sommers, der ihm ein Herzensanliegen
bedeutete: "Es ist ein Ort, an dem man sich immer einige Zentimeter
über dem Boden schwebend fühlt. Und es sind vertraute Menschen,
die mich zur Arbeit anregen, deshalb fühle ich mich beim Carinthischen
Sommer so daheim."
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IX. "Der Zerrissene",
"Der Besuch der alten Dame",
"Kabale und Liebe"
[Interview
Nr. 3]
Als
seine "wienerische" Oper bezeichnete Einem seine dritte Oper,
die auf der gleichnamigen Komödie Johann Nestroys basiert. Sie
entstand in Wien in den Jahren nach 1961 und ist dem Andenken
seiner Frau Lianne gewidmet. Wieder bat Einem Boris Blacher um
die Einrichtung des Textes, doch dieser weigerte sich zunächst:
Einem habe kein österreichisches Idiom, zudem berge eine komische
Oper stets ein besonderes Risiko in sich. Es gelang dem Komponisten,
Blacher dennoch zum Verfassen des Librettos zu bewegen.
Im
Gegensatz zu den beiden vorangegangenen Opern, die auf männlichen
Hauptpersonen basieren, steht im "Zerrissenen" die Gestalt der
"Kathi" im Mittelpunkt. Als "Hohelied auf die Institution der
Ehe" verstand der Komponist selbst sein Werk, in dem er zum traditionellen
Typus der Nummernoper zurückkehrte.
Die
Uraufführung des "Zerrissenen" fand am 17. September 1964 an der
Hamburger Staatsoper statt. Vom Publikum wurde die Aufführung
akklamiert, doch Intendant Liebermann ließ die Oper wegen der
negativen Pressereaktionen bereits nach nur drei Aufführungen
absetzen und vom Spielplan nehmen.
Bereits
1956 hatte Einem Friedrich Dürrenmatts "Besuch der alten Dame"
[Ausschnitt
aus "Besuch der alten Dame"] kennengelernt, doch
erst elf Jahre später konkretisierten sich seine Pläne, das Werk
als Vorlage für eine Oper zu nehmen. Boris Blacher, der auch in
diesem Fall einer Umarbeitung zum Opernlibretto zunächst negativ
gegenüberstand, kürzte und straffte den Text, doch mußte Dürrenmatts
Einwilligung eingeholt werden. Dürrenmatt folgte 1968 einer Einladung
nach Wien, um Einem kennenzulernen und sich in einer eigens für
ihn in der Staatsoper angesetzten Aufführung von "Dantons Tod"
mit dessen Musik vertraut zu machen. Spontan entschloß er sich,
die Umarbeitung zum Libretto selbst vorzunehmen.
Bei
der Neufassung seiner Parabel über die Amoralität einer scheinbar
wohlanständigen Kleinbürgergesellschaft, deren wahrer Charakter
sich in der Reaktion auf das verführerische Angebot der rachebesessenen
Claire Zachanassian zeigt, strich Dürrenmatt etwa ein Viertel
des Textes; die Gestalt der "alten Dame" wurde zur dominierenden
Zentralfigur. Einem blieb bei der Vertonung auch dieses Werkes
seiner tonalen Orientierung treu, die zwar teilweise Ablehnung
von seiten der Fachkritik, jedoch breite und anhaltende Zustimmung
des Opernpublikums zur Folge hatte.
[Interview
Nr. 4]
[Interview
Nr. 5]
Am
23. Mai 1971 fand an der Wiener Staatsoper die Uraufführung statt;
sie wurde zu einem der triumphalsten Erfolge in Einems Laufbahn,
nicht zuletzt wegen der prominenten Besetzung: Christa Ludwig
sang die "alte Dame", Eberhard Wächter den Ill. Kurz darauf wurde
die Oper von Berlin, Graz, Mannheim, Karl-Marx-Stadt (heute Chemnitz),
Dortmund, Oldenburg und München übernommen. Neben "Dantons Tod"
erwies sie sich als Einems populärstes Werk.
An
der Textfassung von "Kabale und Liebe" - nach dem gleichnamigen
Drama Friedrich Schillers - war erstmals Lotte Ingrisch beteiligt,
Einems zweite Frau (die Eheschließung fand 1966 statt). In gemeinsamer
Arbeit mit Boris Blacher entstand das Libretto, dessen dramatischer
Kern vorangegangenen Bühnenwerken Einems verwandt war: "Am
Stoff interessierte mich das zugespitzte Verhältnis zu einer verlogenen
Gesellschaft und zu einer schwankenden Art menschlicher Beziehungen."
Die Wiener Uraufführung am 17. Dezember 1976 (inszeniert von Otto
Schenk, dirigiert von Christoph von Dohnányi) entsprach in besonderer
Weise Einems strikten Vorstellungen von Werktreue, die er sowohl
auf sein eigenes Schaffen als auch auf das seiner Kollegen bezog.
Die Oper ist dem damaligen österreichischen Bundespräsidenten
Rudolf Kirchschläger und dessen Frau gewidmet.
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X. Skandal um "Jesu Hochzeit"
Daß
Einem als Opernkomponist nicht nur Erfolge feierte, sondern auch
Theaterskandale entfesselte, zeigte sich an den Ereignissen um
die Uraufführung seiner Mysterienoper "Jesu Hochzeit" am Theater
an der Wien (18. Mai 1980), deren Text von Lotte Ingrisch verfaßt
worden war. Mißverständnisse, zum Teil auch gezieltes Mißverstehen-wollen
eines mystisch-symbolisch konzipierten Textes gipfelten im Vorwurf
der "Blasphemie" und äußerten sich in heftigen öffentlichen Kundgebungen,
Schmähbriefen und selbst Morddrohungen.
Die
Arbeit an "Jesu Hochzeit" war das erste große Projekt Einems,
das er gemeinsam mit seiner Ehefrau in Angriff nahm. Seit Jahrzehnten
bereits hatten ihn Jesus Christus und die Bergpredigt fasziniert,
eines der "gigantischen Dokumente der Menschheit". Lotte
Ingrisch stellte den christlichen Erlösungsgedanken in den Mittelpunkt
des Geschehens; gemäß der Tradition des Mysterienspiels traten
Allegorien als handelnde Personen auf die Bühne - so kam es zu
der als mystischer Akt verstandenen "Hochzeit" Jesu mit der "Tödin".
"Es ist die chymische Hochzeit, die Vereinigung von Liebe und
Tod, die den Menschen aus seiner Endlichkeit erlöst" (Lotte Ingrisch).
Sowohl
Kirchenvertreter als auch Journalisten machten bereits vor der
Premiere Stimmung gegen das Werk, indem sie - aus dem Zusammenhang
gerissene - Textstellen zitierten und Einems neue Schöpfung als
religions- und kirchenfeindlichen Akt denunzierten. Die mit Spannung
erwartete Uraufführung unter der Leitung von David Shallon wurde
zu einem Theaterskandal: organisiertes Schreien störte die Aufführung,
es wurden Stinkbomben und Tomaten geworfen. [Interview
Nr. 6]
Die
negative Reaktion in Wien hatte hemmende Folgen für die weitere
Rezeption des Werkes. Nur die Staatsoper in Hannover zeigte an
einer Übernahme Interesse und brachte "Jesu Hochzeit" unter der
Leitung Gerd Albrechts im November 1980 heraus. Auch hier fanden
Pressekonferenzen und öffentliche Auseinandersetzungen statt,
doch bewegte sich die Diskussion insgesamt auf höherem Niveau
als in Wien.
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XI. Symphonik, Kammermusik und
Lieder
Zwar
sah Gottfried von Einem seine Berufung stets in erster Linie auf
dem Gebiet der Musikdramatik, doch repräsentieren auch seine Werke
für den Konzertsaal einen wesentlichen und eindrucksvollen Teil
seines Gesamtoeuvres. Sämtliche Gattungen sind vertreten: die
große symphonische Form (darunter "Symphonische Szenen für Orchester",
1957; "Tanz-Rondo für Orchester", 1959; "Nachtstück für Orchester",
1960; "Bruckner-Dialog", 1974; "Münchner Symphonie", 1983), Klavier-
und Violinkonzerte, Werke für Vokalsolisten und Orchester, Kammermusik
in den verschiedensten Besetzungen und ein umfangreiches Liedwerk.
Zu einem Höhepunkt in der langen Reihe von Auftragskompositionen
wurde die Kantate "An die Nachgeborenen" [Ausschnitt
aus "An die Nachgeborenen"]; sie galt der 30-Jahr-Feier
der Vereinten Nationen in New York und erlebte am 24. Oktober
1975 ihre Uraufführung.
Die
Vielfalt der gewählten Gattungen interpretierte Einem selbst als
stete Suche nach dem Neuen: "Ich kann mich immer nur motivieren,
wenn ich etwas vollkommen Neues schreibe. Deshalb habe ich auch
die verschiedensten Formen gewählt und über hundert Lieder geschrieben."
Dennoch konstatierte er bei sich selbst Kontinuität in den technischen
Elementen seines Komponierens: "Schaffensepochen, stilistische
Unterschiede, Unterbrechungen oder Brüche in meinem Schaffen kenne
ich nicht. Es gibt natürlich sich verändernde Färbungen. Aber
das Wesentliche ist, daß man sich treu bleibt in der Diktion und
treu bleibt in der Technik. Es wird leider zu viel Unsinn getrieben
mit der Technik und dem persönlichen Idiom. Ich kann das nicht
leiden. Für mich ist eine Musiktechnik ein Evangelium. Dazu gehört
für mich die Tonalität."
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XII. Die letzte Oper: "Der Tulifant"
Die
Anregung zur Komposition des "Tulifant" ging von Franz Häussler
aus, dem kaufmännischen Direktor der Vereinigten Bühnen Wiens.
Er und Peter Weck wünschten in den frühen achtziger Jahren ein
neues Werk des Künstlerpaars Einem/Ingrisch, obwohl sich die Vereinigten
Bühnen auf die Aufführung von Musicals spezialisiert hatten. Einem
schlug eine Kammeroper in kleiner Besetzung vor; das Orchester
sollte aus etwa zwanzig Musikern bestehen. Als das Werk 1984 vollendet
war, konnte es im Theater an der Wien nicht herausgebracht werden:
das Musical "Cats" erwies sich als Langzeiterfolg und verhinderte
alle anderen Premieren. Erst am 31. Oktober 1990 fand die Uraufführung
im Wiener Ronacher-Theater statt.
Einems
siebente und letzte Oper basiert auf Gedanken des durch Verbrennung
hingerichteten Priesters und Philosophen Giordano Bruno (1548-1600);
sie spielt im märchenhaft-symbolistischen Bereich und macht in
allegorischer Weise den Kampf des Guten gegen das Böse zum Thema,
allerdings mit direktem Bezug auf die Gegenwart. Die Textautorin
Lotte Ingrisch schloß hier an österreichische Traditionen an,
die bis auf Mozarts "Zauberflöte" zurückgehen; im Rahmen einer
Märchenhandlung, die von den Abenteuern des Kinderhelden Fridolin
und seinem Kampf gegen den im Namen des Fortschrittsglaubens agierenden
"Wüsterichs" bestimmt ist, kommen in verschlüsselter Weise Zeitprobleme
zur Sprache, vor allem die Sorge um die Erhaltung von Natur und
Umwelt.
Einem
selbst bezeichnete den "Tulifant" als seine "grüne" Oper. Kompositorisch
griff er auf einfachste Gestaltungselemente zurück; leicht faßliche
Themen, die Gliederung als Nummernoper und die kammermusikalische
Instrumentierung sind die vorherrschenden Charakteristika dieser
letzten Aussage des Komponisten auf dem Gebiet der Musikdramatik.
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XIII. Im Kreuzfeuer von Politik,
Medien und Ideologien
Gottfried
von Einem war ein Kämpfer; gegenüber Kontrahenten nahm er sich
kein Blatt vor den Mund, er konnte an die Grenze der Grobheit
gehen und diese gelegentlich überschreiten - und dennoch wurde
ihm, vor allem aber seiner Musik, immer wieder der Vorwurf der
Angepaßtheit, der mangelnden Konfrontationsbereitschaft gegenüber
herrschenden Strömungen und Publikumsvorlieben gemacht. Als "schillernde"
Persönlichkeit galt er in politischer Hinsicht: Sein freundschaftlicher
Umgang mit Politikern unterschiedlicher politischer Lager erweckte
Verdacht, und manch einer hielt es für unverständlich, daß Einem
öffentliche Sympathie sowohl für Exponenten des linken Spektrums
(allen voran Bruno Kreisky), als auch später für Spitzenkandidaten
des konservativen Lagers bekundete. Offensichtlich fiel zahlreichen
Zeitgenossen die Einsicht schwer, daß hinter einem solchen - in
Österreich unüblichen - Verhalten nicht politischer Wankelmut,
sondern eine liberale Grundhaltung stand, die sich um parteipolitische
Grenzziehungen nicht kümmerte.
Liberal
in streitbarem Sinne verhielt sich Einem insbesondere in der Konfrontation
mit geschlossenen Weltbildern und deren kulturpolitischen Manifestationen,
ob es sich nun um die konservative Fraktion der katholischen Kirche
handelte oder aber, auf künstlerischem Gebiet, um die Verfechter
der kompositorischen Avantgarde, für die jegliche "Konzession"
an die Hörgewohnheiten und -vorlieben des Publikums als unverzeihlicher
ästhetischer Sündenfall galt. Exemplarisch wird dies im Widerstreit
der Meinungen über die 1971 uraufgeführte und sehr erfolgreiche
Dürrenmatt-Oper "Der Besuch der alten Dame" deutlich, der seitens
der ideologisch orientierten, im Fahrwasser Theodor W. Adornos
argumentierenden Musikkritik der Vorwurf gemacht wurde, sie befriedige
ausschließlich die musikalisch-kulinarischen Konsumbedürfnisse
des bürgerlichen Establishments und benütze Elemente avantgardistischer
Musiksprache lediglich als Tarnung: "Wenn von Einems Musik nicht
ganz so schön klingt wie die von Strauss oder Puccini, so dient
gerade das dem Publikum als Nachweis, daß es sich um avancierte
Tonkunst handeln könnte; andernfalls gäbe es beim Hören wohl möglich
schlechtes Gewissen." (Hans-Klaus Jungheinrich) [Interview
Nr. 7]
Doch auch Einem selbst ging mit Kontrahenten aus dem Lager der
Avantgarde nicht eben zimperlich um; seinen Konkurrenten Karlheinz
Stockhausen etwa bezeichnete er als einen der "eitelsten Fratzen",
die er je kenngelernt habe. Seine Ablehnung der avancierten Moderne,
die das Geräusch als kompositorisches Klangelement einbezog, wußte
er in drastische Formulierungen zu kleiden: "Ich liebe eine schön
gesungene Phrase, einen schön gespielten Streichersatz, warum
soll man ein Orchester immer malträtieren, daß die mit ihren Bögen
auf dem Boden oder in einem gefüllten oder leeren Klosett scharren?"
Die Bedeutung der Medien in der öffentlichen Beurteilung der Avantgarde
beurteilte er als zentralen Punkt: "Wenn sich nicht gewisse Presseadpeten
verpflichtet fühlten, messianisch neue Richtungen zu erfinden,
wäre das falsche Angebot wahrscheinlich gar nicht existent."
Im
Konflikt, der durch die Mysterienoper "Jesu Hochzeit" ausgelöst
wurde, engagierte sich Einem für eine individuelle und liberale
Auslegung der biblischen Botschaft. Für die kirchlichen Proteste,
denen sich in Österreich Kardinal König, in Deutschland der als
liberal geltende Bischof Karl Lehmann angeschlossen hatten, brachte
er kein Verständnis auf: "Die Amtskirchen, gleich welche, seien
es die aggressiven des vorderen Orients, seien es andere, sind
stellvertretend für ein menschliches Gebrechen."
Etabliert
im Kunstbetrieb, dennoch aber Zielscheibe maßgeblicher Kreise
der Musikkritik, befreundet mit Politikern aller Lager, dennoch
aber stets bereit zu prononcierter, auch tagespolitischer Aussage,
im Einsatz für die Stellung zeitgenössischer Musik im Kulturleben,
aber dennoch in scharfem Gegensatz zu bestimmten Manifestationen
der Avantgarde - aus diesen Widersprüchen formt sich das Bild
der Stellung Gottfried von Einem im österreichischen Kulturleben.
In der Laudatio zu seinem 75. Geburtstag zog Erhard Busek - auch
er gehörte zu den Freunden aus dem Kreis der Politik - die Bilanz:
"Er ist nicht ein Bewohner eines Elfenbeinturms, sondern ein Aktivist,
der mitten im Leben steht. Wir haben in ihm keinen Träumer, sondern
einen wachen Beobachter und Gestalter von Vorgängen." [Interview
Nr. 8]
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XIV. Vorbilder, Freunde, Gegner
Im
Umgang mit Freunden, im Anknüpfen von Beziehungen manifestieren
sich Vorlieben und Interessen, gelegentlich auch gemeinsame Parteinahmen.
Gottfried von Einems Freundeskreis ging über die Beziehung zu
Musikern weit hinaus und ist ein Spiegelbild seiner breitgefächerten
Anteilnahme an Kreativität jeglicher Spielart.
Bildnerische
Kunst rangierte dabei fast gleichrangig mit Musik, und an vorderster
Stelle steht hier der Name des Bühnenbildners Caspar Neher: "Neben
Boris Blacher war für mich die Beziehung zu Caspar Neher die tiefste
und schöpferischste Freundschaft meines Lebens." Neher entwarf
die Ausstattung der Opern "Dantons Tod", "Der Prozess" und "Der
Zerrissene". Die künstlerische Verständigung mit Einem beruhte
auf kongenialer, gleichgestimmter Intuition; Diskussionen und
detaillierte Erklärungen waren nicht nötig: "Man musste ihm nicht
viel erzählen, drei, vier Stichworte genügten, und er verstand."
Neher wurde auf Betreiben Einems nach Salzburg berufen und erwarb
sich um die Neugestaltung der Felsenreitschule große Verdienste.
Sein früher Tod (1962) zählte zu Einems erschütterndsten Erfahrungen.
Von
nicht so starker persönlicher Intensität, doch getragen von tiefem
gegenseitigen Respekt, waren die Beziehungen zu Oskar Kokoschka,
Fritz Wotruba und Max Weiler. Mit Kokoschka, einer "Jahrhundertgestalt",
fühlte Einem sich seit seinen Salzburger Jahren eng verbunden;
über die Frage, was den Menschen durch die Kunst am Leben erhalte,
führte er lange Gespräche mit Fritz Wotruba, und zu den kostbarsten
Kunstgegenständen des Hauses in Rindlberg zählte eine große Bronze-Stele
des Bildhauers. Max Weiler war wie Einem Mitglied des Kunstsenats;
hier lernten sie einander kennen und pflegten eine Freundschaft,
die weniger Worte bedurfte, denn Weiler war "einer der schweigsamsten
Menschen, die ich kenne." Weilers Bilder empfand Einem als
Umsetzung von musikalischen Kategorien wie Linie und Kontrapunkt
in Formen und Farben.
Seine
kompositorischen Vorbilder jedoch suchte und fand Einem in der
Vergangenheit, und - weit davon entfernt, als Denkmalstürmer gelten
zu wollen - zählte er Bach, Mozart, Schubert und Mahler zu den
schöpferischen Gestalten, an denen Maß zu nehmen war. An Mozart
schätzte er das in der zeitgenössischen Ästhetik nicht eben dominante
Prinzip der Schönheit: "Schönheit ist meiner Meinung nach das,
was der Mensch als Trost braucht, nicht nur vor den Unbilden des
Lebens, sondern auch vor sich selbst." An Bach faszinierte
ihn eine "ungeheure gestische Gewalt", die sich ihm in
der energischen Handschrift offenbarte. Bei Mahler schließlich
beeindruckten ihn die Dimensionen des Geheimnisvollen und Facettenreichen;
während des Dritten Reiches riskierte er die rigorosen Sanktionen,
die auf das Hören von "Feindsendern" standen, um in Übertragungen
der BBC Mahler-Symphonien zu hören.
Es
würde das Bild Einems verfälschen, würde man verschweigen, daß
er in künstlerischen Belangen auch persönliche Gegner hatte -
wobei die Konfrontation meist von ihm ausging. Einer der Großen,
mit denen er sich bereits als junger Komponist "anlegte", war
Richard Strauss. Bei aller Genialität, so Einem, sei Strauss "ein
Opportunist durch und durch" gewesen; das junge Mitglied des
Salzburger Festspieldirektoriums erließ ein Verbot, die Werke
Strauss' aufzuführen, was den greisen Komponisten schwer erzürnte.
Nicht eben von freundlichem Einvernehmen war Einems Beziehung
zu seinem Komponistenkollegen Friedrich Cerha geprägt, dessen
Rekonstruktion des 3. Aktes von Alban Bergs "Lulu" er als Sakrileg
empfand: "Ich verließ den Kunstsenat in dem Moment, als der
Componist Friedrich Cerha in ihn eintrat."
Mit
selbstkritischer Schärfe zog Einem am Ende seines Lebens Bilanz
über die Beziehungen, die ihn begleitet hatten: "Ich war oft
genug geradezu unerträglich, besonders auch meinen engsten Freunden
und Gefährtinnen gegenüber. Heute überschaue ich es, nicht von
einer hohen Warte und auch nicht abgeklärt, aber doch unabgelenkt..."
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XV. Lebensabschluss
In
seinen letzten Jahren zog Einem die ländliche Umgebung der Großstadt
vor. Bereits seit 1973 verbrachten Lotte Ingrisch und er große
Teile des Jahres auf ihrem Landgut in Rindlberg im Waldviertel,
einem Ort, an dem der Komponist vor allem die Ruhe schätzte: "Ich
hätte die Opern und die anderen Werke, die ich dort machte, ohne
diese Stille nicht geschrieben. Die Nächte waren unglaublich."
Dem Waldviertel und seiner landschaftlichen Schönheit galten Einems
"Waldviertler Lieder"
[Ausschnitt
aus "Waldviertler Lieder"]; sie entstanden 1983
als Auftragswerk des niederösterreichischen Landeshauptmanns Siegfried
Ludwig. Der Bau einer neuen Straße verleidete dem Künstlerpaar
schließlich den Aufenthalt in Rindlberg; Mitte der achtziger Jahre
hielten sie nach einem neuen ländlichen Domizil Ausschau und fanden
schließlich ein "wunderbares altes Haus" in Oberdürnbach
bei Maissau. Hier verbrachte Einem seine letzte Lebenszeit.
Im
Sommer 1995 veröffentlichte der Komponist unter dem Titel "Ich
hab' unendlich viel erlebt" seine Memoiren. Neben einer freimütig
dargestellten Geschichte seines Lebens zog er hier in vielfacher
Weise Bilanz - über seine künstlerische Arbeit, über die Stellung
der Oper im Musikleben der Gegenwart, vor allem aber über die
zahlreichen Begegnungen mit herausragenden Persönlichkeiten, die
sein Leben geprägt hatten, darunter Wilhelm Furtwängler, Caspar
Neher, Herbert von Karajan, Arturo Toscanini, Karl Böhm, Friedrich
Cerha, Helmut Wobisch, Ingmar Bergman, Otto Preminger, Fritz Wotruba,
Max Weiler und Oskar Kokoschka. Seinen künstlerischen Nachlaß
übergab Einem dem Archiv der Gesellschaft der Musikfreunde in
Wien.
Zum
Tod habe er immer ein enges und freundliches Verhältnis gehabt,
bekannte der Komponist am Ende seines Lebens. Übersinnliche Erfahrungen,
die er gemeinsam mit seiner Ehefrau machte, trugen dazu bei: "Auch
parapsychologische Grenzerfahrungen, die in den letzten Jahren
immer häufiger wurden, haben mich dazu gebracht, den Übergang
in den Tod nicht zu fürchten. Lotte und ich haben in Rindlberg
wunderbare Erlebnisse übersinnlicher Art gehabt. Wahrscheinlich
gehört absolute Stille dazu. Ich habe in den Nächten im Waldviertel
höchst Merkwürdiges erfahren, Klänge, wirklich nicht von dieser
Welt."
Gottfried
von Einem starb am 12. Juli 1996 in Oberdürnbach.
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